Eine ganz einfache Rechnung

Eine ganz einfache Rechnung

Eine Entwicklung im Berliner Bezirk Kreuzberg bringt gerade eines der in der Hauptstadt präsentesten Themen, die Gentrifizierung, sowie ein anderes, leider weniger populäres Thema, nämlich die heutige Ernährungskultur, zusammen an einen Tisch.

In der Markthalle Neun, für scheinbar viele Leute eine Symbolfigur für die fortschreitende Gentrifizierung des eigentlich alternativen Kreuzberg 36, wurde dem Lebensmitteldiscounter-Riesen Aldi nach 40 Jahren der Mietvertrag gekündigt. Bedeutet einerseits, die Markthalle wird noch mehr instagrammable, aber anderseits für die Anwohner drum herum auch eine Möglichkeit weniger, günstig billig Lebensmittel kaufen zu können.

Daraufhin hat sich eine Bewegung formiert, die für den Erhalt von Aldi oder auch einfach “nur” gegen die Gentrifizierung und den scheinbaren Beitrag der Markthalle Neun ist. Letzteres kann ich verstehen, aber erstere Motivation und die allgemeine Botschaft, die diese Bewegung sendet, ganz und gar nicht. Wir dürfen nämlich nicht vergessen, für was ein Lebensmittelriese wie Aldi steht. Discountpreise bedeuten Dumpinglöhne, heißen Schaden an Mensch und Umwelt. Und ja, auch an unserer Esskultur. Gutes Essen, Genuss und Lebensqualität haben nämlich nichts mit Aldi und Co. zu tun. Sondern mit Ausbeutung, minderer Qualität und ja, eben auch Imageschaden an unserer Nahrung. Lebensmittel scheinen heute einfach nichts mehr wert zu sein, nicht nur wortwörtlich, sondern auch in den Köpfen der Leute.

Dabei ist es wichtig, dass wir auch in diesem Bereich umdenken. Es ist großartig und wichtig, zu Gunsten der Umwelt auf Flugreisen zu verzichten oder regelmäßig an Müllsammelaktionen teilzunehmen, aber wir brauchen diesen Sinneswandel auch auf einer täglichen Basis. Wir müssen grundsätzlich weg von einem Konsum und einer Wirtschaft, die Andere schädigt. Und das tut die Aldi-Tomate, auch die Bio-Variante (schaut mal „Europas dreckige Ernte“). Man muss nicht das Himalayasalz aus der Markthalle Neun für 7,50 Euro kaufen, aber eine Backware, DAS Grundnahrungsmittel, kann und darf einfach nicht 30 Cent kosten (mehr ist sie dem Aldi-Kunden aber scheinbar nicht wert, scheint der Discounter zumindest selbst zu denken). Wir brauchen mehr Wertschätzung, gegenüber dem Lebensmittel und den Menschen da hinter. Wir müssen unsere Prioritäten ändern, schlau einkaufen (meint mit den Jahreszeiten und nur so viel, wie man verbrauchen kann), unser Budget umverteilen. Zu Gunsten der Mittel, die wir zum Leben wirklich brauchen.

Und mit diesem Appell spreche ich nicht die Menschen an, die nun mal kaum Geldmittel zum Leben, aber dafür umso mehr Sorgen im Leben haben, sondern jene, die die Wahl haben. Die gesellschaftliche Mitte eben, also auch der durchschnittliche Aldi-Kunde (sagt das Handelsblatt). Dieser ist er nämlich nicht aus der Not heraus, sondern getrieben von falsch anerzogenem Konsumverhalten. Lasst uns was ändern und nicht nur Teil von der ‚Digitalen’ Revolution sein.

Wir dürfen natürlich nicht die Politik vergessen. Da muss sich auch einiges ändern. Und nicht zuletzt bei den Discountern. Allein schon der Name – da wird doch bereits zu Dumpingpreisen produziert, den Discount zahlt da der Erzeuger teuer. Oder eben die Menschen, die vielleicht wiederum von ihm ausgebeutet werden. Fakt ist, unser heutiges Konsumverhalten fördert moderne Sklaverei und bedroht Menschenleben, nicht nur „weit weg“ in Afrika oder Südamerika, sondern auch hier, in ‚unserem’ geliebten Europa.

Übrigens muss man nicht unbedingt in die Markthalle, um frische, echte Lebensmittel zu kaufen. Natürlich zahlt man da ein bisschen Aufpreis, um Teil des Lifestyles zu sein. Man kann stattdessen einfach auf einen der vielen Wochenmärkte gehen. Hier gilt es natürlich auch auf Regionalität zu achten. Die Vielfalt an bunten Obst und Gemüse an jeder Straßenecke bei mir hier im Wedding sieht toll aus, ist aber auch furchtbar für Mensch und Umwelt.

Aldi schmeißt frisches Obst und Gemüse nach Ladenschluss weg. Solches, das gespendet oder vergünstigt angeboten werden könnte. Das noch ernähren könnte. Wo bleibt da die Bürgernähe? Überhaupt ist die Möglichkeit, Lebensmittel wegschmeißen zu können, ein Luxusproblem. Rund 7 Millionen Tonnen Lebensmittel im Jahr werden allein in Privathaushalten weggeschmissen*. What? Wie kann das sein, wo doch Alle gefühlt jeden Cent 5x umdrehen, wenn es um Essen geht? Das Problem für unseren Geldbeutel ist nicht das Bio-Gemüse aus der Markthalle Neun, sondern unser Überkonsum. Kauft gute Lebensmittel und davon nur so viel, wie ihr braucht, und ihr werdet sicher nicht mehr ausgeben, als vorher. Ne ganz einfache Rechnung.

Ich glaube an die Theorie des Postkapitalismus und daran, dass wir eine Ernährungswende brauchen, zu Gunsten Aller. Diese können wir schaffen, wenn Politik, Anbieter und Konsumenten anpacken. Und bitte, bitte lasst uns uns selbst als Einzelperson nicht immer so klein machen. Bei Facebook und Co. hat doch auch auf einmal Jeder eine Stimme. Man muss sie nur öfter (und richtig) einsetzen – das fängt schon beim Kauf der regional erzeugten Erdbeere an, im Juni und nicht zu Weihnachten. Schmeckt doch auch viel besser. 💚

 

 

Dieser Kommentar basiert auf einem Facebook-Beitrag, der Bezug auf einen Artikel von Zeit Online nahm. Meinen Beitrag und den Link zu besagtem Artikel findet ihr hier: http://bit.ly/2DO1mIQ

Wenn ihr euch näher mit dem Thema Lebensmittelverschwendung beschäftigen wollt, oder – viel schöner – mit deren Wertschätzung (ich versuche ja immer noch den Hashtag #foodpositivity zu etablieren), dann schaut doch mal auf der Webseite der großartigen Sophia Hoffmann vorbei: https://www.sophiahoffmann.com

 

*Quelle: Sophia Hoffmann, Zero Waste Küche, 2019

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